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Namen

"Wer bist du?"

Eine einfache Frage. Erschreckend einfach. Doch wie antwortet man passend darauf?

Die meisten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen werden wohl ganz automatisch ihren Namen nennen, bestehend aus Vor- und Familiennamen. Als österreichische Besonderheit eventuell auch noch einen universitären Titel. Vielleicht sogar einen Amtstitel.

Doch wird man damit der Frage wirklich gerecht? Ganz sicher nicht. Man kann so keine näheren Angaben über seinen Charakter machen, die Persönlichkeit wird in der hierorts üblichen Namensgebung vollkommen ausgespart.

Was interessanterweise viel eher erkennbar ist, sind unsere Herkunft, herausragende Eigenschaften unserer Ahnen, deren Berufe und einiges mehr.

Für mich als neugierigen Verbal-Leichenfledderer ist das ein unglaublicher Glücksfall, kann ich doch auf diese Art und Weise bei jeder Vorstellung einen heimlichen Blick in einen Teil der Familiengeschichte meines Gegenübers werfen.

Insofern sind also Familiennamen für mich sehr interessant. Einige Gedanken dazu habe ich ja bereits in meinem Büchlein "Nordwandern" vorweggenommen, so beleuchte ich darin etwa die mögliche Herkunft des Namens Katzenbeißer (inklusive dessen verschiedener Schreibweisen).

 

Familiennamen sind in unseren Breiten eine Erfindung des Hochmittelalters. Sie etablierten sich erst im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, was verschiedene Ursachen hatte:

 

Zu dieser Zeit starben viele Taufnamen aus, andere hingegen wurden zu regelrechten Modenamen. Zeitgenössische Quellen zeigen deutlich, dass man damals in unseren Gegenden nicht einmal mehr dreißig männliche Rufnamen verwendete. Bei Frauen waren es sogar noch weniger. So kam es zum bereits weiter oben genannten Effekt: Verwechslungen waren Tür und Tor geöffnet.

Ein typisches Beispiel für einen solchen Modenamen des Mittelalters war aber nicht Kevin, Marcel oder René, sondern Konrad. Da die Menschen allerdings auch damals schon (nicht anders als heute) ein wenig maulfaul waren, verkürzte man die sperrigen Langformen der Namen. Macht man heute beispielsweise den Maximilian zum Max, den Josef zum Sepp, den Heinrich zum Heinz, so entstand aus dem zweisilbigen Konrad vor etwa 700 Jahren ein einsilbiger Kainz - und von denen spazierten bald sehr, sehr viele durch die Gassen der immer größer werdenden mittelalterlichen Städte oder tummelten sich auf den Wochenmärkten der Dörfer. Rechtlich, steuerlich aber auch privat konnte dieser Umstand ziemlich unangenehme Folgen haben, wie man sich unschwer vorstellen kann.

Somit war es dringend notwendig geworden, sich von seinen Namensvettern zu unterscheiden.

Eine einfache Möglichkeit bestand darin, den Namen des Vaters mit dem eigenen zu kombinieren, was in Island und Dänemark übrigens bis heute Usus ist. Leif Eriksson kann hier als prominentes historisches Beispiel dienen: Der Name des berühmten isländischen Entdeckers bedeutet nichts anderes, als dass Leif der Sohn Eriks ist.

In Aufzeichnungen des Spätmittelalters ist jene Form der Namensgebung ebenfalls bei uns belegt, wenn auch dort meist die Nachsilbe "-sun" verwendet wird. Zwar konnte man damit die einzelnen Personen näher benennen, doch dieser Nachname wechselte von Generation zu Generation. Genau genommen handelte es sich also noch um keine wirklichen Familiennamen.  Auf jene Art eine Sippe einem gemeinsamen Namen zuzuordnen, war beispielsweise der Obrigkeit somit nicht gut möglich. Darum verfügte diese, dass man bei einem Nachnamen zu bleiben hatte, basta. Wenn also das Familienoberhaupt ein Kainz, ein Franzl oder ein Peter war, dann mussten dessen Nachfahren diesen Rufnamen der Ordnung halber zukünftig als Familiennamen führen.

Vorschrift ist Vorschrift, wie eine alte österreichische Beamtenweisheit besagt.

 

Eine andere einfache Möglichkeit bestand darin, seinen Wohnort mittels des Wörtchens "von" als Nachnamen anzugeben. Angenehmer Nebeneffekt: Es klang einfach nobel, denn in Adelskreisen war dies zu jener Zeit schon länger üblich. Da aber eine klare Trennlinie zwischen Oben und Unten (bis heute) staatlich unabdingbar ist, war diese Form der Nachnamenbildung bald nur mehr mit der Schlusssilbe "-er" möglich. So kam es etwa zur Bildung von Familiennamen wie Litschauer oder Wiener.

 

Logisch und - bei uns wie auch im gesamten deutschen Sprachraum gebräuchlich - war auch die Benennung nach dem Beruf. Zu dieser Zeit waren Familienbetriebe und die heute wieder so gerne propagierten Ich-AGs gang und gäbe. Somit wurde die Profession der Eltern sehr häufig an die Kinder weitergegeben - und mit ihr der Nachname in Form der Berufsbezeichnung:

Müll(n)er, Bäck(er), Mader, Bauer, Meier, Richter, Schmied und all ihre Variationen und Zusammensetzungen (meist mit Ortsangaben oder Eigenschaften) bilden bis heute einen überwältigenden Anteil am Namenspool der deutschen Sprache.

Und ja, diese Aufzählung kann natürlich gerne länger fortgesetzt werden, die werte Leserin und der werte Leser haben da sicher noch mehr Beispiele parat.

 

Wie aus den Pausenhöfen der Schulen landauf, landab bekannt ist, eignen sich selbstverständlich auch manche hervorstechenden Eigenschaften perfekt zur Namensgebung. Heutzutage sind das Spitz- oder sogar Schimpfnamen, früher war das meist nicht viel anders. Da man jedoch - warum, wurde weiter oben bereits ausgeführt - oftmals etwas überhastet Nachnamen für grundherrschaftliche Aufzeichnungen brauchte, so floss unter anderem auch die eine oder andere nicht so nette Bezeichnung in diese Listen als Familiennamen ein. Aus Gründen der Höflichkeit erwähne ich hier allerdings nur zwei durchaus positive Beispiele: Stark und Lang. Sollte Ihnen das eine oder andere weniger schmeichelhafte Beispiel einfallen, lächeln Sie wissend und behalten Sie es für sich.

Übrigens fallen auch Tiernamen meist in diese Kategorie - so wurden Rothaarige einst gerne scherzhaft Fuchs genannt.

Eine Tatsache aber ist merkwürdig:

Ist es der Trägheit der staatlichen Verwaltung zuzuschreiben, liegt es am Umstand, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist, oder gibt es tatsächlich keine bessere Möglichkeit zur Benennung der Mitglieder unserer Spezies als ein System, das vor vielen hundert Jahren installiert wurde?

 

Ich persönlich genehmige mir die konservative Ansicht, dass wir ohne unsere Namen - so antiquiert, unpassend oder auch unverständlich sie uns erscheinen mögen - keine wahren Menschen wären.

Dort, wo der Mensch nämlich zur Nummer wird, hat die Menschlichkeit wenig Überlebenschance.

Danke, Herr Ambros.